Abstract

Machen alle Menschen Ambivalenzerfahrungen, Erfahrungen, die man zweckmäßigerweise als „ambivalent“ bezeichnet? Der Begriff hat sich seit seiner Erfindung durch Bleuler seinen Weg über mehrere Fachsprachen in den Alltagsdiskurs gebahnt. Obwohl oder gerade weil in­zwi­schen ubiquitär gebraucht, erweist er sich bei näherem Zusehen jedoch als überaus facettenreich. Das zeigt seine Begriffsgeschichte, die (erst) 1910 beginnt, doch im Laufe des Jahrhunderts zahlreiche Anwendungen in unterschiedlichen Feldern der Theorie und Praxis dokumentiert. So eignet sich »das Ambivalente« zum Topos transdisziplinärer Diskurse, insbesondere aber auch zu einem solchen, der noch Potentiale therapeutischer oder beraterischer Praxis birgt.

Ist Ambivalenz – die Phänomene und Denkweisen, die wir mittels dieses Begriffes zu begreifen suchen – grundlegend für das Menschsein? Die logischen bzw. sprachlichen Grundlagen des Begriffs kreisen um die Figur der dialektischen Dynamik einer (offenen) Einheit des Auseinander­stre­benden. Auf diese Weise ergibt sich ein Brückenschlag zu den Vorstellungen personaler und kol­lek­tiver Identitäten und deren Verknüpfungen mit dem Problem der Subjektivität. Lässt sich der humanwissenschaftliche Zusammenhang von Ambivalenz und Identität unter Bezugnahme auf Plessners Idee der »exzentrischen Positionalität« theoretisch und methodisch verdeutlichen? Wie sind die Verwandtschaften zu Piagets genetischer Erkenntnistheorie und der dortigen Rolle der „Einheit des Auseinanderstrebenden“? Welche Perspektiven zwischen Ambivalenz und Identität ergeben sich aus der Philosophie Ludwig Wittgensteins? Allenthalben wird in der globalisierten und digitalisierten Welt die Zunahme von Kontingenz diagnostiziert, ist Ambivalenz die Rückseite von Kontingenz?

In praxeologischer Perspektive: Wie steht es um die Fähigkeit und Sensibilität Ambivalenz – in unterschiedlichen Systemen – zu erleben und zu gestalten?

In der Überzeugung, dass es sich dabei um ein theoretisch und praktisch überaus entwicklungsfähiges Konzept handelt, das in seiner Tiefe noch weiter ausgelotet werde kann, möchten wir seine Potentiale im transdisziplinären Dialog mit Kolleginnen und Kollegen ausleuchten, um gemeinsam Ambivalenz weiter zu denken. D.h. in einen offenen Horizont, in verschiedene Richtungen und in die Tiefe bereits bearbeiteter und weiterer Praxisfelder.

In einem kleinen interdisziplinären Kreis von Kolleginnen und Kollegen sollen sowohl theoretische und praktische Aspekte zur Sprache kommen.

Verantwortlich: Hans Rudi Fischer (Heidelberg), Kurt Lüscher (Konstanz/Bern)